Der Citroën Traction Avant 15-Six als Cabriolet gehört nicht zu den regulären Serienmodellen der Marke, sondern zu den seltensten und quellenkritisch schwierigsten Sonderformen des gesamten Traction-Kosmos. Sicher belegt ist, dass es sich um ein nie regulär in den Verkaufskatalog aufgenommenes 15/6-Cabriolet-Projekt handelte, von dem nur sehr wenige Fahrzeuge oder Rohkarosserien entstanden; bei Anzahl, Fertigstellungsgrad und späterem Verbleib weichen die Quellen jedoch teils voneinander ab, weshalb nur jene Punkte als gesichert gelten sollten, die sich aus mehreren übereinstimmenden Belegen ableiten lassen.
Historischer Rahmen
Um die Sonderstellung des 15-Six Cabriolets zu verstehen, muss man zunächst den Traction Avant selbst einordnen. Der 1934 vorgestellte Citroën Traction Avant war eines der technisch modernsten europäischen Serienautos seiner Zeit: Frontantrieb, selbsttragende Karosserie, tiefer Schwerpunkt, gute Straßenlage und fortschrittliche Fahrwerkskonstruktion machten ihn zu einem Bruch mit der Vorkriegskonvention. Innerhalb der Baureihe stand der 1938 eingeführte 15/6 an der Spitze. Er besaß den längeren Vorderwagen und einen Reihensechszylinder von rund 2,9 Litern, der je nach Quelle knapp 77 bis 78 PS leistete und dem Wagen den Ruf einer „Reine de la Route“, einer „Königin der Landstraße“, eintrug.
Wichtig ist dabei: Serienmäßige Cabriolets gab es beim Traction Avant in den kleineren und mittleren Vierzylinderbaureihen, nicht aber als reguläres Serienmodell beim 15-Six. Die verfügbaren Quellen stimmen darin überein, dass es beim 15/6 keine Serienproduktion von Coupés oder Cabriolets gab. Das 15-Six Cabriolet war vielmehr ein Sonderprojekt am Rand der offiziellen Produktion, vermutlich ausgelöst durch einen internen oder halbprivaten Wunsch aus dem Michelin-Citroën-Umfeld.
Entstehung des 15-Six Cabriolets
Die Grundfrage lautet: Was genau wurde gebaut? Hier beginnt die Quellenkritik. Eine häufig zitierte Darstellung besagt, dass 1938/1939 sieben Karosserien hergestellt wurden, von denen drei samt Innenausstattung fertiggestellt worden seien. Der französische Artikel in Le Figaro, der sich auf den Citroën-Historiker Olivier de Serres beruft, bestätigt ebenfalls die Zahl von sieben produzierten Exemplaren, erklärt aber zugleich, dass der Kriegsbeginn die Aufnahme des 15/6 Cabriolets in das offizielle Modellprogramm verhinderte.
Damit lässt sich vorsichtig formulieren: Am belastbarsten ist die Aussage, dass vor Kriegsbeginn ein kleines Los von sieben 15/6-Cabriolet-Karosserien oder Einheiten vorbereitet wurde und dass nur ein Teil davon wirklich komplettiert wurde. Die exakte Differenz zwischen „produzierter Karosserie“, „fertigem Fahrzeug“, „provisorisch montiertem Prototyp“ und „erst nach dem Krieg vollendetem Wagen“ ist nicht in jeder Quelle sauber getrennt. Gerade deshalb ist es methodisch falsch, aus den Zahlen vorschnell ein eindeutiges Serienbild abzuleiten.
Ebenfalls bemerkenswert ist, dass in der Produktionsstatistik von Citroën offenbar nur das olivgrüne Fahrzeug auftaucht, das mit Madame Michelin verbunden wird. Daraus wird dort die Vermutung abgeleitet, dass andere Wagen im Bureau d’Études und nicht im normalen Produktionsfluss montiert wurden. Diese Erklärung ist plausibel, aber als Interpretation und nicht als vollständig archivisch bewiesene Tatsache zu behandeln.
Die bekannten Varianten
Wenn man von „Varianten“ des Citroën Traction Avant 15-Six Cabriolets spricht, darf man den Begriff nicht zu weit fassen. Es handelt sich nicht um eine sauber katalogisierte Modellfamilie mit Untertypen wie bei modernen Baureihen, sondern eher um mehrere historische Erscheinungsformen eines nie voll industrialisierten Sondermodells.
Die erste und wichtigste Unterscheidung ist die zwischen dem regulären 15/6 als Limousine und dem extrem seltenen Cabriolet. Der 15/6 war offiziell als Limousine erhältlich; das Cabriolet blieb außerhalb der Serienfertigung. Schon dieser Unterschied ist zentral, weil viele spätere offene Umbauten oder sogenannte „découvrables“ fälschlich in die Nähe der originalen Werks-Cabriolets gerückt werden. Mehrere Quellen warnen indirekt davor, denn sie betonen, dass es keine Serien-Cabriolets des 15 Six gab und dass später Nachbauten beziehungsweise Umbauten entstanden.
Die zweite Unterscheidung betrifft die frühe technische Ausführung des 15/6. Wikipedia vermerkt, dass ab 1947 im 15 CV ein neues Getriebe eingebaut wurde und der Motor nun rechtsdrehend war. Das ist relevant, weil mindestens ein als authentisch beschriebenes Cabriolet aus der Vorkriegsanlage beziehungsweise frühen Nachkriegsfertigstellung laut Auktionsbeschreibung gerade mit einem rechtsdrehenden Motor ausgestattet war. Das weist auf die komplizierte Entstehungsgeschichte einzelner Fahrzeuge hin: Karosserie und Projektbeginn konnten vorkriegszeitlich sein, während Endmontage oder technische Finalisierung erst nach 1945 erfolgten.
Die dritte „Variante“ ist daher eigentlich eine historische Kategorie: vorkriegsfertige Fahrzeuge einerseits und aus vorkriegszeitlichen Rohkarosserien nach dem Krieg komplettierte Fahrzeuge andererseits. Genau diese Unterscheidung ist für die Provenienz heute entscheidend. Sie erklärt, warum manche Wagen als „authentisch“ gelten, aber keine vollständigen Produktionsnummern oder Karosserienummern besitzen.
Die drei am häufigsten genannten frühen Wagen
In den verfügbaren Quellen tauchen drei frühe Besitzerzuordnungen immer wieder auf. Erstens das olivgrüne Fahrzeug für Madame Michelin. Dieses Auto ist das am besten dokumentierte und wird von mehreren Quellen als das bekannteste und in seiner Geschichte lückenlos nachvollziehbare Exemplar bezeichnet. Es ist deshalb der sicherste Referenzpunkt für jede seriöse Darstellung des Themas.
Zweitens wird ein Wagen genannt, der an die Comtesse de Portes gegangen sei. Die Spur dieses Cabriolets gilt als verloren. Le Figaro spricht ebenfalls von einem Exemplar, das einer mondänen Marquise oder hochrangigen Dame gehörte und dessen Spur sich verlor. Die Namensformen und sozialen Titel differieren leicht, aber der Kernbefund ist derselbe: ein prominenter früher Wagen ist heute nicht sicher nachweisbar.
Drittens nennen Quellen ein Fahrzeug für den französischen Botschafter in den USA. Auch dieses Exemplar gilt als verschollen. Die spanische Darstellung bei Eventos Motor und weitere Handelsquellen wiederholen diesen Befund.
Hier ist Präzision wichtig: „verschollen“ bedeutet nicht bewiesen zerstört. Es bedeutet lediglich, dass die spätere Geschichte derzeit nicht belastbar belegt werden kann. Eine seriöse historische Darstellung darf daraus weder ein Überleben noch einen Untergang ableiten.
Nachkriegsfertigstellungen und überlebende Exemplare
Neben den drei früh zugeordneten Wagen sprechen mehrere Quellen von zwei weiteren Fahrzeugen, die als original gelten und vermutlich erst nach dem Krieg aus unfertigen Rohkarosserien des Bureau d’Études komplettiert wurden. Diese Wagen gelten nicht als Repliken, sondern als späte Fertigstellungen originaler Ausgangssubstanz; zugleich fehlen ihnen wichtige Identifikationsmerkmale wie Seriennummern, Karosserienummern oder ein Eintrag in die Produktionsstatistik.
Gerade daraus entstand der bis heute anhaltende Diskussionsraum unter Kennern: Wie definiert man „original“, wenn ein Fahrzeug auf originaler vorkriegszeitlicher Karosseriesubstanz beruht, aber erst nach 1945 fertig wurde? Die Auktions- und Clubquellen beantworten das pragmatisch: Solche Wagen können als authentische originale 15/6-Cabriolets anerkannt werden, wenn ihre Herkunft aus dem Werk beziehungsweise dem Bureau d’Études nachvollziehbar ist.
Ein besonders gut belegtes Beispiel ist das in der Schweiz später aufgetauchte Fahrzeug, das in den 1960er Jahren mit Raoul Wanders aus der Ovomaltine-Dynastie verbunden wird. Ursprünglich war dieses Auto ursprünglich, später rot lackiert, wurde 1964 in der Schweiz greifbar und war 2015 an der Rétromobile zu sehen. Dort wurde es anschließend durch Osenat für 612.400 Euro versteigert. Diese Provenienzkette ist nicht völlig lückenlos bis 1939, aber für einen historischen Sonderwagen außerordentlich stark dokumentiert – uns bekannte Informationen datieren nur bis 1959 zurück. Auch sind in den Archiven von Citroën, dem Conservatoire, keine belastbaren Aufzeichnungen zu finden: eine in anderer Schrift, anderem Stift, auf anderen Seiten wiedergefundene Eintragung könnte irgendwann einmal nachgetragen sein.
Wo die Wagen verblieben sind
Nach heutigem, aus den recherchierten Quellen ableitbarem Stand lässt sich der Verbleib nur differenziert beschreiben. Das Michelin-Fahrzeug existiert und gilt als das am besten bekannte Exemplar. Es wurde restauriert, war auf internationalen Veranstaltungen zu sehen und befand sich über lange Zeit in bedeutenden Sammlerhänden; neuere Auktionshinweise legen nahe, dass es nach dem Verkauf 2015 später erneut am Markt erschien.
Das Exemplar der Comtesse de Portes gilt als verschollen. Dafür gibt es keine belastbare neuere Spur in den herangezogenen Quellen.
Das dem französischen Botschafter in den USA zugeschriebene Fahrzeug gilt ebenfalls als verschollen. Auch hier liefern die ausgewerteten Quellen keine verifizierte jüngere Provenienz.
Ein weiteres als original anerkanntes Fahrzeug stammt nach verbreiteter Darstellung aus einer nach dem Krieg entdeckten Rohkarosserie. Le Figaro beschreibt, dass bei der Befreiung in den Untergeschossen von Javel zwei Karossen gefunden worden seien; aus einer sei später die von Chapron gebaute Präsidentenkarosse hervorgegangen, die andere sei vom Entwicklungsbüro montiert worden. Diese Aussage ist interessant, aber man sollte sie eng am Wortlaut halten, weil sie stark von einer journalistischen Sekundärquelle abhängt. Sicher ist immerhin: Mindestens ein nachkriegsfertiges, als authentisch geltendes Cabriolet überlebte und wurde in den Oldtimerhandel dokumentiert.
Daraus ergibt sich kein vollständig abgeschlossenes Register aller gebauten Karosserien, wohl aber ein belastbares Mindestbild: ein klar belegtes Michelin/Micheline-Auto, zwei historisch genannte, heute verschollene frühe Wagen und mindestens ein oder zwei aus originaler Substanz nachkriegsfertiggestellte Fahrzeuge, von denen wenigstens eines im Sammlermarkt der letzten Jahrzehnte dokumentiert ist.
Historische Einordnung
Das 15-Six Cabriolet ist weniger wegen einer großen Produktionszahl bedeutend als wegen seines Grenzstatus zwischen Werksexperiment, Sonderauftrag und nie vollendeter Serienabsicht. Genau das macht seinen Reiz aus: Es ist kein regulärer Typ wie ein 11BL Cabriolet, sondern ein automobilhistorischer Ausnahmefall, bei dem Technikgeschichte, Provenienzforschung und Mythos eng ineinandergreifen.
Deshalb muss jeder seriöse Artikel über dieses Modell zwei Dinge gleichzeitig tun: den Wagen würdigen und seine Unschärfen offenlegen. Wer das 15-Six Cabriolet als klar definierte Serie beschreibt, vereinfacht zu stark. Wer es dagegen als bloße Legende behandelt, ignoriert die real existierenden und teils gut dokumentierten authentischen Fahrzeuge. Die Wahrheit liegt, quellenkritisch betrachtet, dazwischen.


