Ein ganz anderer Traction Avant – der 15-Six vom Karosseriebauer Franay für Präsident Coty

Der 15-Six-Umbau von Franay für Staatspräsident René Coty war kein bloßes Einzelstück mit repräsentativer Aufgabe, sondern ein spätes Kondensat der französischen Karosseriebaukunst: technisch basierte das Fahrzeug auf dem Citroën Traction Avant 15 Six H mit langem Radstand und hydropneumatisch gefederter Hinterachse, formal erhielt es jedoch eine vollständig neue Staatskarosserie, entworfen von Philippe Charbonneaux und 1955 bei Franay ausgeführt. Gerade weil um diese Präsidentenfahrzeuge bis heute Halbwissen, Modellauto-Mythen und ungenaue Wiederholungen kursieren, muss man streng zwischen gesicherten Fakten und späteren Ausschmückungen unterscheiden.

Historischer Kontext

Der Citroën Traction Avant war seit 1934 eines der technisch modernsten Serienautos Europas: Frontantrieb, selbsttragende Ganzstahlkarosserie und niedriger Schwerpunkt machten ihn außergewöhnlich fortschrittlich. Der 15-Six erschien 1938 als Spitzenmodell mit Reihensechszylinder und verlängertem Vorderwagen; 1954 ergänzte Citroën die Baureihe um den 15-Six H mit hydropneumatisch gefederter Hinterachse, also genau jene technische Basis, auf der später die Präsidentenfahrzeuge entstanden.

René Coty wurde am 16. Januar 1954 zum französischen Präsidenten gewählt und beauftragte danach Marius Franay mit einem repräsentativen Staatswagen. Nach Citroën-nahen historischen Darstellungen war der Franay-Wagen auf dem Chassis eines „15 Six H Familiale“ aufgebaut, also auf der verlängerten Langradstand-Basis des Traction Avant, nicht auf einer gewöhnlichen kurzen Limousine. Diese Differenz ist wichtig, weil sie erklärt, weshalb die Proportionen der Präsidentenlimousine so stark vom Serien-15-Six abweichen.

Entwurf und Karosserie

Die Franay-Präsidentenlimousine war keine leichte Variation des Serienmodells, sondern eine komplette Neukarosserie. Als Gestalter wird Philippe Charbonneaux genannt, während Franay die handwerkliche Umsetzung übernahm; zugleich war dieses Auto eine der letzten, vielfach sogar die letzte bedeutende Karosseriearbeit des Hauses Franay vor dessen Schließung Ende 1955.

Stilistisch ist das Auto bemerkenswert, weil es den Traction Avant fast verleugnet: Statt der vertrauten, fließenden Fastback-Form erhielt der Wagen eine moderne, dreikastige Repräsentationskarosserie mit betontem Kofferraum, sechs Seitenfenstern und deutlich formellerer Linienführung. Mehrere Quellen beschreiben das Auto ausdrücklich als „three-box“ bzw. als viertürige Repräsentationslimousine; damit stand es ästhetisch zwischen traditioneller Staatskarosse und früher Nachkriegsmoderne.

Besonders interessant ist, dass das Fahrzeug offenbar mit einer Mischung fremder Serienteile aufgebaut wurde. In der detailliertesten verfügbaren Beschreibung werden Windschutzscheibe und Stoßstangen der Ford Comète, die Heckscheibe eines Buick Roadmaster, Räder und Koffergriff einer Ford Vendôme, Türgriffe von Bentley sowie Rückleuchten von Chevrolet genannt. Diese Angabe ist plausibel, weil französische Karossiers in Kleinserie häufig auf verfügbare Großserienteile zurückgriffen; sie sollte aber zugleich mit Vorsicht gelesen werden, da diese sehr konkrete Teileliste vor allem aus einer journalistischen Sekundärquelle stammt und nicht aus einer Primärdokumentation Franays.

Technik und Besonderheiten

Die technische Basis war der Citroën 15 Six H, also die späte Spitzenversion des Traction Avant mit hydropneumatischer Federung an der Hinterachse. Gerade diese Federung dürfte für den Präsidenteneinsatz entscheidend gewesen sein, denn sie versprach höheren Komfort und ein ruhigeres Fahrverhalten bei Paraden und protokollarischen Fahrten.

Zugleich zeigen die Quellen, dass die elegante Staatskarosserie ihren Preis hatte. Mehrere Berichte sprechen davon, dass der Wagen wegen seines hohen Gewichts problematisch wurde: Die Bremsen seien an der Grenze gewesen, der 80-PS-Antrieb überfordert und Überhitzung ein reales Problem. Ein Bericht nennt sogar eine Panne bei einem Einsatz während des Frankreich-Besuchs von Königin Elizabeth II. im Jahr 1957; das ist eine konkrete, aber sekundär überlieferte Angabe, die man als wahrscheinlich, nicht als archivalisch endgültig bewiesen formulieren sollte.

Damit wird verständlich, weshalb die Franay-Limousine eher ein Repräsentationsfahrzeug als ein universell einsetzbarer Staatswagen war. Das Auto verkörperte Prestige, litt aber unter dem klassischen Zielkonflikt vieler Nachkriegs-Sonderkarosserien: visuelle Wirkung und protokollarische Würde standen einer nur begrenzt belastbaren Serienmechanik gegenüber.

Nutzung, Insassen und spätere Geschichte

Gesichert ist zunächst, dass die Franay-Präsidentenlimousine 1955 gebaut wurde, wenige Wochen vor ihrer offiziellen Übergabe am 10. November 1955 im Élysée-Palast, nachdem sie zuvor auf dem Pariser Autosalon präsentiert worden war. Ebenso gesichert ist, dass das Auto für René Coty entstand und als Staatsfahrzeug der französischen Präsidentschaft diente.

Die Quellenlage zeigt außerdem, dass der Wagen nicht nur mit Coty verbunden blieb. Sekundärquellen berichten, dass auch Charles de Gaulle und später Georges Pompidou den Wagen zumindest gelegentlich nutzten; für de Gaulle wird die spätere Zulassung „2 PR 75“ genannt, nachdem der Wagen zuvor „1 FK 75“ getragen haben soll. Diese Kennzeichenangaben stammen jedoch nicht aus den Citroën-Historienseiten selbst, sondern aus journalistischen bzw. enthusiastischen Sekundärquellen; deshalb sollte man sie als gut überlieferte, aber nicht abschließend primärbelegte Details behandeln.

Sehr wichtig ist die Unterscheidung zum zweiten Präsidenten-Traction: Weil Coty mit der ersten Lösung offenbar nicht vollständig zufrieden war und Franay bald schloss, wurde ein weiteres offizielles Präsidentenfahrzeug auf derselben 15-Six-H-Langbasis bei Henri Chapron in Auftrag gegeben und 1956 geliefert. Dieses spätere Chapron-Landaulet blieb besonders lange im Dienst und ist in der öffentlichen Erinnerung oft präsenter als der Franay-Wagen. Wer über „die“ Präsidenten-Traction spricht, vermischt deshalb häufig beide Fahrzeuge.

Zum weiteren Schicksal der Wagen gibt es belastbare, aber ebenfalls überwiegend sekundär referierte Angaben. Demnach blieben beide Präsidenten-15-H-Fahrzeuge ungefähr bis in die 1970er Jahre im Staatsdienst beziehungsweise präsidialen Umfeld und wurden erst nach dem Erscheinen der späteren Präsidenten-SM verdrängt. Für die Chapron-Version ist die lange Dienstzeit durch Citroën-Historien klar belegt; für die Franay-Limousine wird zumindest die gelegentliche Weiternutzung unter späteren Präsidenten mehrfach erwähnt.

Einordnung

Der 15-Six-Umbau von Franay für Coty markiert einen Endpunkt zweier Geschichten zugleich: das späte Kapitel des Traction Avant als französisches Spitzen- und Staatsauto sowie den Schlusspunkt eines großen traditionellen Karosseriebauers. Gerade deshalb besitzt das Auto historische Bedeutung, die über seine geringe Stückzahl hinausgeht: Es zeigt, wie Frankreich Mitte der 1950er Jahre noch einmal versuchte, republikanische Repräsentation, handwerkliche Coachbuilding-Kultur und moderne Citroën-Technik in einem einzigen Symbolfahrzeug zu bündeln.

Analytisch betrachtet liegt seine Faszination nicht in technischer Perfektion, sondern in der Spannung zwischen Anspruch und Realität. Das Fahrzeug war außergewöhnlich, repräsentativ und gestalterisch mutig, zugleich aber offenbar schwer, kompromissbehaftet und operativ weniger gelungen als seine politische Funktion es verlangte. Genau das macht den Franay-15-Six heute so interessant: nicht als makellose Ikone, sondern als historisch hoch aufgeladenes Übergangsobjekt zwischen Vorkriegstradition, Nachkriegsrepräsentation und dem heraufziehenden Zeitalter von DS und moderner Staatsmobilität.