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Thursday, 28 August 2008
 
 
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Man kennt die 30er Jahre als eines der wirtschaftlich wildesten Jahrzehnte im letzten Jahrhundert, ständig zwischen Euphorie und Krise - und auch Citroen kann sich diesem Auf und Ab nicht entziehen...

thumb_citroentoureiffel.jpgWir schreiben das Jahr 1934. Der Pariser Eiffelturm beleuchtet in diesem Jahr mit seiner riesigen Citroen-Reklame aus 280.000 Glühbirnen im nunmehr 8. Jahr die Stadt. Doch nicht jeder schaut mehr hin - daher hat André Citroen sie zusätzlich ausstaffieren lassen mit einer riesigen Uhr, deren Zeiger man bei guter Sicht  bis 15km weit sehen kann. Auf der dritten Aussichtsetage hat man obendrein ein Thermometer montiert, das die Pariser mit der wichtigsten Wetterinformation des Tages versorgt.

Auch die Citroen-Werke am Quai de Javel werden in nur 5 Monaten radikal umgebaut. Die alten Produktionsstätten auf rund 120.000qm sowie allein rund 30.000qm Büros und "Ateliers" werden abgerissen, um auf erweiterten 200.000qm Platz zu schaffen für das ambitionierteste Automobilprojekt, das die Seinemetropole je gesehen hat. Zentrales Element sind zwei parallele, ca. 250m lange Produktionsstrassen, auf denen der neue Personenwagen nach amerikanischem Vorbild Henry Fords rationeller Montagebänder in großen Stückzahlen entstehen soll.

andrelefebvre.jpgZugleich werkelt seit 11 Monaten ein Team von Spezialisten rund um den jungen Ingenieur André Lefebvre hinter verschlossenen Türen an der Entwicklung des technisch modernsten Automobils dieser Zeit, das zugleich jedoch ein Fahrzeug für die Massen sein soll, unter dem Codenamen "PV" (Petite Voiture, kleines Automobil). Lefebvre wurde übrigens 1932 an André Citroen durch seinen früheren Arbeitgeber Gabriel Voisin vermittelt, nachdem sein kurzer Zwischenstop bei Renault eher frustrierend war - im konservativen Billancourt war man für die innovativen Ideen Lefebvres nicht aufgeschlossen...

Das Team um Maurice Sainturat, dem ehemaligen Chefingenieur von Delage und später Hotchkiss, entwickelt einen robusten, zugleich langlebigen Vierzylinder-Langhuber-Reihenmotor, dessen auswechselbare nasse Laufbuchsen für niedrige Reparaturkosten bei Motoreninstandsetzungen sorgen. Übrigens der nicht nur die nächsten 23 Jahre mehr oder weniger unverändert seinen Dienst verrichtet, selbst in den Nachfolgemodellen bis in die 70er Jahre und dem HY bis 1981 hin wird man diesen Motorblock noch wiederfinden!

bertoni3.jpgFlaminio Bertoni zeichnet für das Design verantwortlich. Obwohl - eigentlich zeichnet er nicht, Bertoni arbeitet als Skulpteur. Er entwirft Dutzende von Tonmodellen und läßt aus diesen die technischen Zeichnungen ableiten, nicht umgekehrt. Er gilt als der Erfinder des 3D-Volumenmodells im Automobilbau.

Am 24. März 1934 wird das "Modell 7A à Traction Avant", kurz Traction Avant, einer großen Anzahl gespannt wartendender Vertragshändler, am 18. April 1934 dann den Journalisten vorgestellt, die das Fahrzeug prompt als "sensationell" betiteln und zugleich als Anker für ein wieder im Selbstbewusstsein erstarkendes und aus der Wirtschaftskrise erwachendes, junges Frankreich sehen. Die Produktionsanlagen am Quai de Javel liefern anfänglich pro Tag 300 Autos aus!

Die technischen Eckdaten lesen sich auch heute noch in großen Teilen wie das aktuelle Pflichtenheft jedes Automobilherstellers:

takarosserie.jpgDie selbsttragende Ganzstahlkarosserie löst die bis dato halb-Holz, halb-Stahl Aufbauten auf Plattformrahmen ab. Frontantrieb, Einzelradaufhängung, hydraulische Lockheed-Bremsanlage, Zahnstangen-Sicherheitslenkung, und Drehstabfederung mit Panhardstäben.

Das ursprünglich von Dimitri Sansaud de Lavaud vorgeschlagene automatische Getriebe verursacht größere Kopfschmerzen. Nach 10 erfolglosen Monaten der Entwicklung und unter dem Damoklesschwert des bereits angekündigten Pressetermins entschließt man sich kurzfristig, ein konventionelles 3-Gang-Getriebe einzusetzen, das von Jouffret, Forceau und Camusat in 15 Tagen (!) entwickelt wird und, man mag es kaum glauben, allein im Traction Avant weitere 23 Produktionsjahre unverändert bleibt. 

Der "unerhörte" Verzicht auf Trittbretter sowie die Anordnung des 3-Gang-Getriebes vor dem Motor erlauben nicht nur großzügige Abmessungen im Innenraum, sondern in Kombination mit der größeren Spurweite und dem "Wegfallen" des klassischen Rahmens eine Absenkung des Schwerpunkts um rund 30cm gegenüber vergleichbaren Automobilen aus dieser Zeit.

Damit und mit dem neuen Frontantrieb wird der Wagen sicherer, kurvenstabiler und kann der Konkurrenz davonfahren. Aber nicht nur dieser - auch die Polizei, die in den ersten Jahren solch ein Fahrzeug nicht in ihren Fuhrparks besitzt, hat ein Nachsehen, und so entwickelt sich in den einschlägigen Kreisen schnell der Ruf eines vorzüglichen Fluchtwagens - der Begriff  "Gangsterlimousine" hat hier seinen Ursprung!

Weitere Eckdaten: Steuerklasse 7 (=7CV), 7 Liter Verbrauch auf 100km, zu erreichende Geschwindigkeit 100km/h, 4 Sitzplätze, 800kg Leergewicht, Ganzstahlkarosserie, Vorderradantrieb, der ursprünglich anvisierte Listenpreis von 15.000 Franc muss allerdings auf 17.700 Franc angehoben werden, bleibt aber noch immer weit unter dem Preis der Konkurrenz.

Die hastig zusammengeschraubten ersten Fahrzeuge werden im Mai 1934 ausgeliefert, und bringen Citroen wegen notwendiger Kulanzreparaturen an Antrieb und Karosserie beinahe an den wirtschaftlichen Ruin. Die von J.-A. Grégoire und dessen Unternehmen Tracta zunächst eingebauten Antriebsgelenke (man findet sie zu dieser Zeit auch im Adler Trumpf) werden zunächst ersetzt durch Rzeppa und dann durch die wesentlich haltbareren Glaenzer-Antriebsgelenke. Weitere Versteifungen an der von Raoul Cuinet konzipierten selbsttragenden Karosserie werden nötig, und auch die Hinterachskonstruktion muss geändert werden, um nur das größten Schwachstellen zu nennen.

7a_1934.jpgAber Frankreich hält zu seinem "Traction", und die fürs Marketing so wichtigen Erfolge auf dem Langstreckenkurs von Montlhèry, die Auszeichnungen national und international als "Auto des Jahres" und die Verleihung zahlreicher Designpreise helfen enorm, aber auch die Sparsamkeit des Autos wird hervorgehoben - manch ein Fahrer schafft durchschnittlich 5 Liter/100km! Die Langstreckenfahrten des vermögenden Hoteliers Francois Lécot, 400.000km in 369 Tagen und Nächten zu absolvieren (Paris - Monte Carlo - Paris auf der Route Nationale No. 7, Juli 1935 - Juli 1936) und damit die Zuverlässigkeit des Traction Avant unter Beweis zu stellen, sind legendär.

Im Folgenden haben wir einige wichtige Daten und Fakten rund um eines der (auch kultur-)historisch interessantesten französischen Automobile zusammengetragen.

 Viel Spass beim Lesen!

(C) Text: Stephan Joest.

 
 
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